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Kolumne: Retro - Die guten alten Zeiten




„Die guten alten Zeiten“, diesen Satz hört man nur zu oft von irgendwelchen alten Gestalten Mitte Zwanzig, die in ihrer Stammkneipe über zwei oder drei Bierchen sitzen und mit Wehmut an vergangene Tage denken. Wie alt man selbst geworden ist, merkt man in letzter Zeit immer häufiger. Mario und Link muss man nicht mehr die Windeln wechseln, denn sie haben bereits das 20. Lebensjahr überschritten. Pong ist bereits satte 34 Jahre alt und auch das ehrwürdige Atari VCS wird nächstes Jahr 30. Selbst die Pokémon und das Videospielschneckchen Lara Croft haben schon mehr als 10 Jahre auf dem Buckel. Was ist geschehen?

Da schaut man auf die großen Pranken, die nun diese Zeilen in die Tastatur hauen und erinnert sich selbst zurück. Klassiker wie Pac-Man, Tempest, Asteroids, Donkey Kong, Super Mario oder Space Invaders sind in guter Erinnerung geblieben und sorgen auch noch nach zwanzig Jahren für spontanes Zucken in den Fingern. Rund um die alten Spiele hat sich eine treue Fangemeinde versammelt. In Internetforen wird über jedes noch so obskures Spiel geredet, es werden Emulatoren geschrieben um diese Spiele möglichst vielen verfügbar zu machen und seltene Spiele kommen oft für hunderte Dollar unter den virtuellen Auktionshammer. Wie sehr auch heute noch die älteren Spiele faszinieren, hat die Playstation Portable gezeigt. Da bringt Sony einen hochmodernen Handheld auf den Markt, der in der Lage ist komplexe 3D-Grafik darzustellen und was machen die Spieler? Sie finden ein Loch in der Firmware, programmieren Emulatoren dafür und spielen dann fröhlich 2D-Spiele auf ihrem neuen 250€ Gerät. Die tollen 3D-Fähigkeiten? Langweilig!

Erinnerungen können aber trügerisch sein - manche Spiele hat man besser in Erinnerung als sie es sind.

Doch hat das Retrodarsein in der heute grafikverwöhnten Gesellschaft noch einen Sinn? Warum möchte man Spiele aus den 80er und frühen 90er Jahren spielen, wenn man für den gleichen Preis ein aktuelles erhalten könnte. Wäre es nicht sinnvoller die alten Geräte vom Dachboden zu kramen und das Original zu spielen?
Viele haben die Originale schon lange verkauft, entsorgt, verschenkt oder sie sind schlicht und einfach kaputt. Dazu kommen noch diverse Probleme mit der Freundin, die nicht gerade begeistert ist, wenn der technikbesessene Spieler das ganze Wohnzimmer mit Kabeln, Controllern und schwarzen oder nikotingelben Plastikkisten zupflastert.

Retrocompilations für Handhelds haben natürlich den Vorteil, dass man jetzt auch in der Straßenbahn oder auf dem Klo die Erde gegen Aliens verteidigen kann und nicht an die heimische Glotze gefesselt ist. Arcadespiele eignen sich auch ideal für unterwegs - die schnellen und packenden Spiele füllen wunderbar die Wartepause auf den nächsten Bus. Gleichzeitig ist der Spieler nicht gezwungen sich eine komplizierte Story oder langwierige Rätsel anzutun. Wer Pac-Man spielt, weiß, was gemacht werden muss und der Spielspaß kommt direkt im ersten Level mit der ersten gefutterten Pille. Und während man schon zwei Level Pac-Man gespielt hat, warten andere immer noch darauf, dass die PSP endlich das neuste 3D-HighEnd-Spiel geladen hat.

Natürlich verlieren viele Spiele auf den kleinen Displays der Handhelds einiges von ihrem Flair. Gerade Spielhallenautomaten haben schon immer versucht, mit aufwändigen Controllern und liebevoll gestalteten Geräten die Zocker anzulocken. In Super Hang on von Sega sitzt man zum Beispiel auf einem richtigen Motorrad und steuert durch Gewichtsverlagerung. Da kann der kleine Analognub von Sonys Handheld natürlich nicht mithalten.


Heutige Spieler wird der hohe Schwierigkeitsgrad eher abschrecken - man ist es einfach nicht mehr gewöhnt, dass man schon im ersten Level von Anfang direkt einen auf den Sack kriegt. Aber gerade da liegt auch die Faszination dieser Spiele - Erfolg und Scheitern liegen nur einen Bruchteil einer Sekunde auseinander und wer es jemals mit dem letzten Leben und ohne Continue zum Endgegner geschafft hat, der weiß was Adrenalin ist. Jeder falsche Schritt bedeutet das endgültige Aus so kurz vor dem Ziel.
So eine Spannung schaffen die meisten heutigen Spiele mit ihren Speicherfunktionen, Cheatcodes, Respawnpoints und moderatem Schwierigkeitsgrad einfach nicht mehr. Das Savegame kurz vor dem Kampf vernichtet so jede Spannung - man kann eigentlich gar nicht verlieren, selbst wenn man sich dumm anstellt wird einfach wieder neu geladen.

Die Videospielpublisher freuen sich natürlich: Die alten Spiele liegen eh noch im Archiv herum und setzen langsam Staub an. Wenn man nochmal Geld mit ihnen verdienen kann, umso besser. Eine Sammlung mit ein paar Titeln ist auch schnell zusammengeschustert. Alte Quellcodes werden herausgekramt, in Windeseile ein Menü und ein entsprechender Emulator entworfen, auf ein neues Modul oder ein optisches Medium gepresst und erneut auf die Menschheit losgelassen.
Doch leider übertreiben es einige Firmen auch. Da werden Sammlungen mit nur wenigen, uralten Spielen zum Vollpreis auf den Markt geworfen. Den Vogel hat Nintendo abgeschossen: Im Rahmen der NES Classic-Serie wurde mehrere zwanzig Jahre alte Spiele für jeweils satte 20€ auf den Markt gebracht. Für Sammler zwar eine nette Idee, aber auch dafür war die Präsentation der Verpackung und der Spiele zu lieblos. Für Spieler wäre eine große Compilation mit allen Titlen wesentlich sinnvoller gewesen. Die Geschichte roch einfach zu sehr nach Abzocke und auch die Emulation war eher mau. Es gibt auch Sammlungen, die versuchen die alten Klassiker mit unnötigen Features aufzupeppen und dabei spektakulär versagen.

Gleichzeitig gibt es aber auch liebevoll gemachte Sammlungen, die den Spieler mit Videointerviews mit den Programmierern belohnen oder die mit Online-Highscoreliste zum weltweiten Vergleich aufrufen.

Fazit:
Retro-Spiele müssen nicht immer nur was für die echten Liebhaber und die Zocker von Damals sein. Viele Spiele haben auch zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen kaum etwas von ihrem Reiz verloren und durchaus das Potenzial, auch die jüngeren Zocker zu fesseln. Wenn die Hersteller nicht zu gierig sind und mit den Spielen geizen, können durchaus interessante Sammlungen herauskommen, die jede Menge Spielspaß zum Budgetpreis bieten.
Jüngeren Spielern, die mit 3D-Grafik aufgewachsen sind, sollten durchaus auch mal eine Reise zu den Wurzeln ihres Hobbys wagen. Es lohnt sich.


Michael Schmalenstroer & Kevin Jensen für PortableGaming.de


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Autor: M.Schmalenstroer & Kevin Jensen
Datum: 23.04.2006

Kategorie: Kolumnen
Umfang: 1 Seiten



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