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Kiddiewahn im Handheldsektor?




Warum manche Zielgruppenvorstellungen unrealistisch und das Durchschnittsalter der Spieler eher rückläufig ist.

Wer von euch kennt die Situation nicht: Auf den Release Listen erscheint ein neuer Mariotitel für ein aktuelles Nintendosystem und schon kommt grölendes Gelächter aus dem Sonylager: Als Kiddiekonsole ist die Nintendokonsole verschrien – für ihr restliches Dasein. Auf den ersten Blick erscheint auch alles klar und logisch: Nintendo deklariert die Altersgrenze ihrer Zielgruppen auf Mitte 20 – an dieser Stelle fangen die von Sony gewünschten Zielgruppen erst wirklich an. Die Frage, welche man sich jedoch nun stellen muss: Wie realistisch ist diese Zielgruppendefinition?
Ein nicht unwichtiger Aspekt bei der Bewertung dieser Problematik ist, dass die von der USK gesetzten Altersklassifizierungen von Kindern und Jugendlichen meist geflissentlich ignoriert werden – selbst wenn der Handel einmal auf der Hut sein sollte, so findet sich immer ein ignoranter Elternteil oder ein platonischer Freund, welcher die nicht jugendfreie Software besorgt.

Erst neulich war ich wieder in einem Forum unterwegs, in dem diverse Kiddies, welche sich hinter ach so kreativen Nicknames wie „B00st0r“ und „Mast0r_Gam0r“ versteckten, groß und breit ankündigten, sich GTA: LCS für die PSP zuzulegen. Ein Blick ins Profil legte die grausame Wahrheit offen: Keiner der potentiellen Käufer war auch nur 16 Jahre alt.

Blicken wir nun wieder auf die Bewertung der Zielgruppendefinition: Nintendo publiziert Spiele, die größtenteils den Kern ihrer eigens als solche erklärten Zielgruppe betreffen – Sony tut es Nintendo gleich. Mit welcher Argumentation? Nun, ganz einfach: Wer sich eine gut 250 € teure Konsole zulegen kann, wird a) das Zielgruppenalter erreicht haben, weil er das Know-How besitzen muss, um eine solche Konsole zu handhaben und wird sich b) an die Altersbeschränkungen des Softwareangebotes halten. Beides ein Trugschluss.

Im Laufe der letzten Jahre ist ein Wissensfortschritt von Jugendlichen und Kindern auf dem multimedialen Sektor zu beobachten, der noch vor 5 Jahren nicht für möglich gehalten wurde. 10-Jährige coden mit PHP, 12-Jährige eröffnen ihre eigenen Firmen. Dank unserer bildungsgebundenen Wohlstandsgesellschaft (PISA lässt grüßen) spielt der finanzielle Aspekt auch nur noch selten eine Rolle. Entweder hat ein Jugendlicher genug Geld, um sich eine PSP zu kaufen, oder er wartet auf die allweihnachtliche Spendenzeit der Kernverwandtschaft. De Fakto stellt es jedoch für nur wenige der 12 bis 15-jährigen ein Problem dar, 250 € in einen edlen Erwachsenenhandheld zu investieren.
Außerdem stellt der Besitz eines so teuren Gerätes auch eine Prestigeposition innerhalb der Clique dar. Ein Grund mehr also, den eigentlich nicht für das eigene Alter bestimmten Handheld zu kaufen und somit den Zielgruppenrichtlinien zu widersprechen.

Ein weiterer Aspekt ist die mangelhafte Achtsamkeit des Handels. Sei es aus Profitgier, aus Ignoranz, aus Gleichgültigkeit oder aus Mitleid: Immer wieder muss ich beobachten, wie der Handel augenscheinlich 12-jährigen Kindern ein Spiel ohne Jugendfreigabe verkauft – ohne dabei auch nur auf die Idee zu kommen, nach dem Alter zu fragen. Zweifelsohne ein Missstand in unserer Gesellschaft. Wer die Schuld daran nun der USK in die Schuhe zu schieben versucht, lebt schlichtweg hinter dem Mond: Die USK leistet gute und gewissenhafte Arbeit. Sie schafft quasi die Rahmenbedingungen für den Handel, um dort – direkt beim Endverbraucher – kontrollieren zu können, ob das gewünschte Spiel nun in die Hände des besagten 12-jährigen Jugendlichen gehört oder nicht. Letzten Endes hängt es jedoch vom Handel ab, diese Richtlinien einzuhalten. Warum dies so oft nicht geschieht? Gründe dafür habe ich zum Anfang dieses Absatzes aufgeführt – hinzu kommt sicherlich die Tatsache fehlender Kontrolle. Wer kontrolliert den Handel? Immerhin begeht dieser ein ums andere Mal, vielfach täglich und überall in Deutschland gleichermaßen Gesetzesbrüche. Die Justiz? Polizei? BPjM? Es kann in unserem System der Demokratie schlicht keine wirksame Kontrolle existieren, alleine schon wegen des dabei entstehenden finanziellen Aufwandes. Klar – wenn die Industrie Schaden davon trägt (wie etwa die Filmindustrie auf Grund der Piraterie), dann ist man schnell bei der Sache und der harmlose Raubkopierer von nebenan bekommt 5 Jahre Dunkelzellenurlaub bei Wasser und Brot spendiert. Wenn die Industrie jedoch von den zusätzlichen Käuferschichten profitiert – ob Videospiele nun aggressiv machen oder nicht, sei an dieser Stelle einmal dahingestellt – so ist die Kontrolle hinfällig, von der Industrie nicht gewünscht, vom Bollwerk des Kapitalismus nicht für notwendig erachtet und wird letzten Endes auch nicht durchgeführt.

Ein weiterer Aspekt, welcher der Zielgruppenpolitik sicherlich nicht dienlich ist, ist das teilweise scheinbar unüberlegte Senden von Werbeblöcken im Fernsehen. Auch hier sollte der Zeitpunkt so gewählt sein, dass eine Maximalzahl an der Zielgruppenvorstellung entsprechenden Zuschauern den Spot zu Gesicht bekommen – dies ist leider nicht immer der Fall. Ich bin zwar weder Marketingstratege noch möchte der Industrie falsche Tatsachen unterstellen, dennoch kommt mir bei objektiver Betrachtung der Werbeblock-Ausstrahlungszeiten der Verdacht, dass man neben der eigentlichen Zielgruppe auch andere, vornehmlich jüngere Käuferschichten anpeilt, indem Werbeblöcke gezielt ins Mittags- oder Frühabendprogramm eingebaut werden.

Nach ausführlicher Abwägung aller hier aufgeführten Punkte sollte man sich im Klaren sein: Zielgruppenvorstellungen sind Wunschvorstellungen. Zu viele externe Faktoren wie auch gezieltes Handeln der Industrie selbst verhindern, dass sich der Zielgruppenrahmen wirklich maßgeblich in der Altersspanne bewegt, die auch gewünscht ist. Dies lässt auch weiterführend den Schluss zu, dass der Begriff „Kiddiekonsole“ letzten Endes wohl auf alle aktuellen Handhelds projizierbar ist und alleine der Wunsch nach einer älteren Zielgruppe noch keine ältere Zielgruppe schafft.
Außerdem lässt sich abschließend statuieren, dass ein Handheld meistens von solchen Spielern als Kiddiekonsole verschrien wird, welche selbst noch nicht der jeweiligen Zielgruppenerwartung ihrer Hardware entsprechen. Doch selbst die Erkenntnis darüber, dass Zielgruppenvorstellungen meist nicht zutreffen, wird diesen Zustand in Zukunft nicht beheben. Letzten Endes bilden Videospiele immer noch einen nach oben hin altersbegrenzten Markt, welcher auch auf Grund des mit diesem Hobbys verbundenen Zeitaufwandes den Großteil der Konsumenten noch unter den zehn bis Ende-Zwanzig-Jährigen suchen muss.

Christian Thol für das PortableGaming-Netzwerk.


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Autor: Christian Thol
Datum: 04.12.2005

Kategorie: Kolumnen
Umfang: 1 Seiten



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